shine Letter #006


06.09.2026

Bin ich eigentlich zu undiszipliniert?

Liebe Shine-Leserin,

ich habe diese Woche etwas getan, das eigentlich nicht besonders spektakulär ist. Ich bin nicht zum Sport gegangen, obwohl ich es mir fest vorgenommen hatte.

Was war passiert:

Es war Mittwochabend und der Sport stand auf meinem Plan. Ich hätte gehen können, aber ich hatte keine Lust. Und das, obwohl ich mittwochs bei meiner Freundin im Garten zum Outdoor-Sport eingeladen bin – im kleinsten Freundeskreis mit einer super lieben und kompetenten „Privat-„Trainerin und Frauen in meinem Alter. Also eigentlich etwas, worauf ich mich freue. Nun, statt mich um 18.15 Uhr mit meiner Matte unter dem Arm auf den Weg zu machen (ich brauche zu Fuß noch nicht mal 5 Minuten dorthin) habe ich mich bewusst dagegen entschieden, bin in den Garten gegangen und habe es mir gemütlich gemacht. Noch nicht mal das Wetter hat als Ausrede getaugt, denn es war weder zu heiß noch hat es geregnet. Es war der perfekte Outdoor-Sport-Abend.

Und obwohl ich in diesem Moment für mich entschieden habe, dass ich den Abend in meinem Garten genieße, beißt seitdem eine Frage hartnäckig an mein Gewissen:

Bin ich eigentlich (zu) undiszipliniert?

Diese Frage hat mich diese Woche mehr beschäftigt, als ich zunächst gedacht hätte. Denn Disziplin gilt ja gemeinhin als etwas Erstrebenswertes. Wir setzen uns Ziele, machen Pläne und halten uns daran. Das ist gesellschaftlich akzeptiert und so machen das erfolgreiche Menschen. Wir überwinden unseren inneren Schweinehund und tun, was wir uns vorgenommen haben, auch wenn wir gerade keine Lust darauf haben.

Nun, das funktioniert ja auch (bestes Beispiel: Es ist gerade Samstagnachmittag bei schönstem Wetter und ich habe mich entschieden, heute meinen Newsletter zu schreiben – das nimmt gut 2 Stunden Zeit ein). Und manchmal brauchen wir auch genau das. Uns etwas vornehmen – es durchziehen – hinterher Stolz auf uns sein.

Aber: Wie viel Disziplin ist eigentlich gut für uns? Und wo darf man den inneren Schweinehund auch einfach einmal vollständig ausleben?

Und wie ich diese Woche schmerzlich wahrgenommen habe, kenne auch ich diese innere Stimme ziemlich gut: „Du hast es Dir doch vorgenommen. Jetzt zieh es auch durch.“ „Sei nicht so bequem. Du wirst Dich hinterher besser fühlen.“

Und wahrscheinlich hat sie damit sogar manchmal recht. Und ich bin sicher: Ich wäre stolz auf mich gewesen, wenn ich zum Sport wäre und ja, ich hätte mich besser gefühlt und ja, mein Körper hätte sich bedankt. Aber ich wollte keinen Sport machen. Ich wollte einfach im Garten sitzen, nichts leisten und den Abend genießen.

Vielleicht war das keine Schwäche, die ich überwinden musste, sondern ein Bedürfnis, das ich wahrnehmen durfte. Auch wenn mir diese Sicht auf meine Entscheidung tatsächlich noch schwer fällt als ansonsten sehr disziplinerte Person.

Und genau da wird es für mich interessant genauer hinzusschauen. Denn ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Disziplin und der innere Schweinehund grundsätzlich Gegensätze sind. Vielleicht gehören beide zu einem selbstbestimmten Leben.

Disziplin hilft mir, Dinge zu tun, die mir wichtig sind, auch wenn ich gerade keine Lust darauf habe. Aber Selbstbestimmung bedeutet vielleicht genauso, manchmal zu sagen: Heute nicht.

Nicht aus Gleichgültigkeit und auch nicht, weil ich grundsätzlich alles aufgebe, sobald es unbequem wird. Sondern weil ich selbst entscheide. Und das ist ein ziemlich großer Unterschied. Denn wenn ich jeden Vorsatz unbedingt einhalten muss, nur weil ich ihn mir einmal gesetzt habe, dann dient mir meine Disziplin irgendwann nicht mehr. Dann diene ich meinem Plan.

Vielleicht ist deshalb eine andere Frage viel hilfreicher:

Will ich das gerade wirklich nicht tun oder will ich nur vor etwas Unangenehmem davonlaufen?

Wenn ich merke, dass ich eigentlich keine Lust habe, obwohl mir die Sache wichtig ist und sie mir guttut, dann darf die Disziplin ruhig einmal übernehmen. Ich muss nicht jedes Mal auf meine momentane Stimmung hören.

Wenn ich aber merke, dass ich gerade etwas anderes brauche, dann darf ich vielleicht genauso gut darauf hören.

Am Mittwoch habe ich mich für den Garten entschieden. Und ehrlich gesagt: Ich bereue es nicht. Vielleicht war genau das an diesem Abend sogar eine ziemlich vernünftige Entscheidung. Nicht gegen mich zu arbeiten, sondern mich selbst ernst zu nehmen. Und vielleicht ist das auch etwas, das sich mit den Jahren verändert.

Wir müssen uns nicht mehr ständig beweisen, dass wir diszipliniert sind. Wir müssen nicht jeden Vorsatz erfüllen, nur um uns anschließend ein gutes Gefühl geben zu können.

Wir dürfen lernen, den Unterschied zu erkennen zwischen dem Moment, in dem wir uns selbst überwinden sollten, und dem Moment, in dem wir uns selbst zuhören sollten.

Vielleicht ist genau das eine Form von Selbstbestimmung.­


Meine Leseempfehlung der Woche

Letzte Woche habe ich Dir eine Frage für diese Woche mitgegeben:

Ist es irgendwann zu spät?

  • Zu spät für einen neuen Job.
  • Zu spät für eine Veränderung.
  • Zu spät, noch einmal etwas ganz anderes zu machen.

Und genau bei dieser Frage setzt auch mein Artikel dieser Woche an. Dafür habe ich mit Andrea Eigel gesprochen. Sie berät seit mehr als 20 Jahren Menschen und Unternehmen zu Positionierung, Sichtbarkeit und mentaler Stärke und erlebt in ihrer Arbeit immer wieder dasselbe:

Frauen mit viel Berufs- und Lebenserfahrung unterschätzen, was sie eigentlich längst mitbringen. Sie denken, ein beruflicher Neustart würde bedeuten, wieder ganz von vorne anfangen zu müssen. Aber vielleicht ist genau das der Denkfehler. Denn wenn Du nach 20 oder 30 Jahren Berufserfahrung etwas verändern möchtest, fängst Du eben nicht bei null an. Du bringst Fähigkeiten mit, die Du über viele Jahre entwickelt hast:

  • Du hast Verantwortung übernommen,
  • schwierige Situationen gemeistert,
  • Entscheidungen getroffen, Menschen eingeschätzt und gelernt, mit Veränderungen umzugehen.

Andrea Eigels Ansatz gefällt mir deshalb sehr: Es geht nicht unbedingt darum, etwas völlig Neues aus Dir zu machen. Es geht darum, genauer hinzuschauen, was bereits da ist und wie Du es künftig einsetzen möchtest. Und vielleicht ist das auch eine andere Antwort auf die Frage, ob es irgendwann zu spät ist.

Vielleicht geht es gar nicht darum, ob wir noch einmal ganz neu anfangen können. Sondern darum, ob wir uns selbst noch zutrauen, etwas mit dem zu machen, was wir längst können.

Wenn Dich die Frage nach einem beruflichen Neustart, einer Veränderung oder einfach nach Deinen eigenen Möglichkeiten gerade beschäftigt, dann lies das Interview mit Andrea Eigel:
Jetzt lesen


 

Der Sonntagsgedanke

Vielleicht sollten wir aufhören, uns ständig zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden zu müssen: diszipliniert oder undiszipliniert, stark oder schwach, dranbleiben oder aufgeben.

Vielleicht gibt es dazwischen etwas viel Interessanteres: bewusst entscheiden.  Manchmal bedeutet das, aufzustehen und loszugehen, obwohl man keine Lust hat. Und manchmal bedeutet es, sitzen zu bleiben, im Garten, mit einem Kaffee und ohne schlechtes Gewissen.

Die entscheidende Frage ist vielleicht gar nicht:  Habe ich meinen Plan eingehalten?  Sondern: Habe ich selbst entschieden?

Ich glaube, genau darin liegt ein Stück Selbstbestimmung. Nicht darin, immer alles im Griff zu haben, sondern darin, zunehmend besser zu wissen, was gerade wirklich richtig für uns ist.

Vielleicht ist das eine Fähigkeit, die mit den Jahren sogar wichtiger wird als Disziplin.


Worauf ich mich nächste Woche freue

Nächste Woche möchte ich bei einer Frage bleiben, die mich gerade selbst beschäftigt:

Was passiert eigentlich, wenn wir aufhören, unser Leben ständig optimieren zu wollen?

Wir sprechen so viel darüber, wie wir gesünder, fitter, erfolgreicher, organisierter oder gelassener werden können. Aber vielleicht ist nicht jede Phase unseres Lebens dafür da, etwas aus uns herauszuholen. Vielleicht dürfen wir manchmal auch einfach zufrieden sein mit dem, was gerade ist. Und gleichzeitig weitergehen.

Ich finde diesen Gedanken gerade ziemlich spannend.

Wann ist Veränderung wirklich notwendig und wann dürfen wir einfach sagen: So ist es gerade gut?

Darüber möchte ich nächste Woche weiter nachdenken.

Bis dahin wünsche ich Dir einen schönen Sonntag.

Vielleicht mit etwas, das Du Dir vorgenommen hast. Oder mit etwas, das Du Dir ganz bewusst nicht vornimmst.

Alles Liebe,
Corina­

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